Woher nehmen und nicht stehlen?

The times they are a-changin’.

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Du Inhalt. Wir Design. Das klingt schön einfach, und der Teil mit dem Design hat auch ganz prima geklappt. Da stehst du nun, beruflich selbständig, mit deiner schönen neuen Website. Du wolltest sie ja selbst aktualisieren können. Das war dir wichtig, um hinterher nicht abhängig zu sein von einem „Webmaster“, der dann womöglich nie erreichbar wäre, wenn du ihn brauchst. Und wenn doch, müsstest du ihm für jedes kleine Update gleich horrende Summen bezahlen…

Jetzt hast du in einer Schulung gelernt, wie du Texte und Fotos auf deine Website bringst, und kannst endlich richtig loslegen! Google hungert nach neuen Inhalten, und damit dein Angebot möglichst weit oben in den Suchergebnissen landet, sollst du regelmäßig neue Artikel veröffentlichen. Doch woher nehmen und nicht stehlen? 

Google-Bildsuche & Copy-paste

Jemanden fürs Schreiben zu bezahlen, kommt finanziell für dich nicht in Frage. Die Texte würdest du ja auch noch selbst zusammen bekommen. Du bist zwar nicht Goethe, aber ein Mitbewerber hat zum selben Thema schon sehr gute Sachen auf seiner Internetseite stehen, die wirst du dir einfach herunter kopieren und ein wenig umschreiben.

Schwieriger wird es bei den Fotos, die springen einem direkter ins Auge als die Texte. Das Design der Website ist schon chic, da müssen die Fotos irgendwie mithalten. Wie würde das sonst aussehen: Eine Website, die über 1000€ gekostet hat, und dann ein paar Schnappschüsse als Fotos? Kein Kunde würde dir die Professionalität und Qualität abkaufen, die du in deinem Angebot hervorgehoben hast!

Also müssen hochwertige Fotos her. Zum Glück gibt es ja die Bildsuche bei Google! Die findet auf Anhieb mehrere Tausend Fotos für deinen Suchbegriff, da werden schon ein paar passende dabei sein. Wie man Bilder von einer Website herunter lädt, hast du mit der Zeit auch gelernt.
Außerdem gibt es ja noch deinen Mitbewerber mit den guten Texten, auf dessen Website hast du ein paar klasse Fotos gesehen. Die hat der garantiert auch nicht selbst geschossen, und außerdem kannst du die ja von überall her haben. Kein Mensch kann dir nachweisen, dass du sie ausgerechnet von dieser Webseite kopiert haben sollst, und es interessiert ja auch niemanden. Ist doch sowieso alles frei im Netz…

9 Monate später…

Deine Website macht sich richtig gut. Für dein regionales Angebot stehst du bei Google ganz weit oben. Dank der aussagekräftigen Texte und der super Fotos verbringen deine Besucher einige Zeit auf deiner Website (sagt dir Google Analytics). Viele rufen an oder nutzen das Kontaktformular. Die Anfragen häufen sich, und du hast gut zu tun!

Dann findest du eines schönen Tages diesen Brief im Kasten. Eine Anwaltskanzlei schreibt dir im Namen ihres Mandanten, eines Fotografen, von dem du noch nie gehört hast. Die Fotos, die du auf deiner Website publiziert habest, seien das geistige Eigentum jenes Fotografen. Du habest keine Lizenz für die Nutzungsrechte erworben, weswegen dir nun der auf der beiliegenden Kostennote aufgeführte fünfstellige Betrag in Rechnung gestellt werde, der bitte innerhalb der nächsten 14 Tage zu entrichten sei. Ferner seien sämtliche genannten Fotos unverzüglich von deiner Website zu entfernen.

Du kannst es nicht glauben. So viel Geld??? Für ein paar Fotos??? Schliesslich haben noch jede Menge andere Leute dieselben Fotos kopiert, wieso sollst du jetzt so viel bezahlen?? Mal abgesehen davon, dass du die verlangte Summe gar nicht aufbringen kannst. Zumindest nicht innerhalb der genannten Frist von 14 Tagen.

Selbst schuld?

Google und deine Freunde raten dir, ebenfalls zum Anwalt zu gehen. Das tust du auch, obwohl du gerade knapp bei Kasse bist und dir eigentlich keinen Anwalt leisten kannst. Zu allem Überfluss macht der Typ dir auch noch wenig Hoffnungen. Dein Verhalten sei faktisch rechtswidrig gewesen und die Forderungen leider berechtigt. Deine Unkenntnis der Sachverhalte rund um das Urheberrecht würden nicht als Entschuldigung taugen; die Informationspflicht habe bei dir selbst gelegen. Klartext: Selber schuld! Na toll.

Was nun? Als letzten möglichen Ausweg versuchst du es auf die Menschliche. Du findest die Nummer des Fotografen heraus und rufst ihn an. Wenn du ihm deine Lage erklärst, wird er sicher einlenken. Selbständige müssen schliesslich zusammen halten! Du wirst ihm einfach die Wahrheit sagen: dass du nicht wusstest, dass du etwas Verbotenes getan hast (nicht ganz wahr) und dass du so viel Geld nicht zahlen könnest (absolut wahr). Wenn er klug ist, gibt er sich mit ein paar hundert Euro zufrieden, denkst du dir.

Das Telefonat verläuft kurz und ernüchternd. Der Herr Fotograf bleibt höflich, ist aber offenkundig alles andere als amused über deinen Anruf. Was du denn in seiner Lage tun würdest, wenn du jeden Tag deine eigenen Fotos, die eigentlich deinen Lebensunterhalt sichern müssten, auf Dutzenden fremder Webseiten wieder finden würdest, ohne dafür jemals eine müde Mark gesehen zu haben?
Deine vorsichtige Entgegnung, naja, aber es handle sich doch schliesslich nur um ein paar Fotos und nicht um den Kronschatz der Queen, und das könne doch nun wirklich nicht sooo teuer sein, zieht eine nicht jugendfreie Bemerkung seitens deines Gesprächspartners nach sich, gefolgt vom Freizeichen im Telefonhörer.

Drei weitere Monate später…

Du bist pleite und arbeitslos. Die Sache mit den kopierten Fotos hat dir zuerst ein Mahnverfahren und dann den Offenbarungseid samt privater und geschäftlicher Insolvenz eingebracht. Zuletzt hattest du es bei jeder Bank der Stadt versucht, aber ein Kredit zur „Refinanzierung nachträglich zu entrichtender Lizenzgebühren“ war nirgendwo zu kriegen gewesen.

Als wäre die Pleite noch nicht genug, hattest du plötzlich auch eine Urheberrechtsklage deines Mitbewerbers am Hals, dessen Texte du umgeschrieben hattest. Die Klage konnte dein Anwalt zwar abwenden, weil der Nachweis für deine Copy-Paste-Aktion letztlich nicht erbracht wurde, doch die Anwaltskosten für das „kleine“ Intermezzo waren der Sargnagel für deine finanzielle Liquidität. Von deiner physischen und psychischen Gesundheit mal ganz abgesehen…

Fazit

Das Fazit liegt bei dir. Wenn es deine Geschichte wäre, was würdest du daraus machen? Wärst du verbittert und frustiert, weil du wegen „ein paar Fotos“ pleite gegangen wärst? Oder würdest du aus Schaden – deinem eigenen und dem, den du anderen zugefügt hättest – klug werden und einsehen, dass es um viel mehr ging, als um „ein paar Fotos“?

Fotos und Texte zu kopieren und für die eigenen Zwecke zu nutzen und zu veröffentlichen, ist in den seltensten Fällen legal. Selbst viele Websites mit Angeboten wie „Lizenzfreie Bilder kostenlos herunterladen“ verfügen selbst nicht über die für ein solches Angebot notwendigen Bildrechte. Wer Bilder von einer solchen Website herunter lädt und auf der eigenen Website einsetzt, macht sich unter Umständen strafbar, ohne es zu wissen.

Ausnahmen bilden Werke, die ausdrücklich unter einer freien Lizenz wie der GPL oder einer der Creative Commons publiziert werden. Da reicht manchmal ein Link zum Autor oder Fotografen als Anerkennung der Urheberschaft. Doch auch hier ist es unerlässlich, die Lizenzbedingungen als solche wahrzunehmen und zu beachten!

Verfügbarkeit ≠ Verwertbarkeit

Mindestens genauso wichtig, wie die Frage nach der Legalität, sollte jedoch die Reflexion des eigenen Verhaltens und die Frage nach dessen Legitimität sein. Ist das, was ich hier tue, kompatibel mit meinen eigenen Vorstellungen davon, wie ich selbst behandelt werden möchte? Ist es respektvoll? Integer? Menschlich in Ordnung?

Das Internet lebt von der freien Verfügbarkeit der Information. Aber Verfügbarkeit und das Recht zur Weiterverwertung sind zwei paar Schuhe und müssen es auch bleiben. Sonst können wir uns ab morgen alle Karl-Theodor nennen. Oder?

Disclaimer: Das in diesem Artikel geschilderte Szenario ist komplett fiktiv, exemplarisch, vereinfacht und erhebt keinerlei Anspruch auf juristische Vollständigkeit.